Lassen sich Großraubtiere in bewohnter Kulturlandschaft halten?

VALERIUS GEIST, Calgary/Kanada

Vor mir liegt das 2013 verfasste Manifest der International Union for the Conservation of Nature (IUCN), Species Survival Commission (SSC), über die Hege von Raubtieren in Europa (European carnivore conservation) mit dem Ziel: „Das Erhalten und Restaurieren von lebensfähigen Beständen der Großraubtiere in ganz Europa als einen integralen Teil von Ökosystemen und Landschaften im Zusammenleben mit Menschen“ (To maintain and restore, in coexistence with people, viable populations of large carnivores as an integral part of ecosystems and landscapes across Europe).

Ich stelle hiermit die Frage, wie es zu so einem solchen, von Wissenschaft kaum berührtem, bravem aber recht weltfremdem Wunsch kam? Wie ist das obige Ziel mit Ethik oder Inspiration zu vereinen, wenn das Einbürgern von Großraubtieren in besiedelter Kulturlandschaft zu einem Instrument menschlichen Leidens
wird, und, ironischer Weise, zum unabwendbaren Aussterben der eingebürgerten Art, so z. B. Wolf, führt?

Ich will an dieser Stelle in erster Linie auf Wölfe eingehen. Meine Kenntnisse von diesen beziehen sich erstens auf meine Jahre als Verhaltensforscher in kanadischer Wildnis, zweitens auf 20 Jahre des ländlichen Lebens auf der Vancouver Insel, Kanada, wo wir Erfahrungen sammelten, was es bedeutet, mit Wölfen, Schwarzbären und Silberlöwen als integralen Teil der Landschaft zu leben, drittens, weil ich
auf die Bitte der Familie Carnegie, den Tod ihres Sohnes, Kenton, durch Wölfe untersuchte (GEIST 2008, 2009), und viertens, weil ich das Manuskript über Russische Wölfe von WILL GRAVES (2007), einem langjährigen Mitglied des Amerikanischen Diplomatenkorps in Moskau, überarbeitete und in Druck brachte. Dieses Buch, heute vergriffen, wurde kurz nach seinem Erscheinen ins Finnische übersetzt, und ist heute
dort in zweiter Ausgabe erhältlich.<<<Weiterlesen/Read More>>>